Leben mit Behinderten
Allgemein, Prothesen 2 Kommentare »Wie oft geben wir vor, so tolerant zu sein. Sind stolz auf unser offenes Wesen, die Fähigkeit, verschiedenste Situationen mit Bravour zu bewältigen und doch… Dann gibt es wieder Momente, in denen wir unsere Gefühle und Gedanken für Augenblicke einfach nicht im Griff haben. Oder ging es Ihnen nicht auch schon einmal so, wenn Sie mit Behinderungen konfrontiert wurden? Innerhalb von Sekunden durchlaufen wir ein Meer von Emotionen, welches in den meisten Fällen in Höflichkeit mündet. Unsere Erziehung und Vater Staat haben dafür Sorge getragen, dass wenigstens Äußerlich nichts zu sehen ist, von all den Gedanken, Fragen und Gefühlen, welche in uns toben. Zumindest in den meisten von uns. Jene Menschen, die beruflich oder privat viel mit behinderten Menschen zu tun haben, werden kaum noch Reaktionen zeigen oder empfinden. Hier ist es zum Alltag übergegangen. ![]()
Doch Jene, die nur sporadisch auf Menschen mit Handicap treffen, werden zum Großteil immer wieder verschiedenste Gefühle durchgehen – vom innerlichen Erstarren, zu Unbehagen, Neugier bis hin zu Entsetzen, Ekel oder Abwehr. Und dann doch in den meisten Fällen ruhig und höflich zu bleiben. Und natürlich schämen wir uns dieser Gefühle – ich mich zumindest. Aber das unser Gegenüber diese ersten Gefühle auf unserem Gesicht erkennt, ignorieren wir in diesem Augenblick gerne. Wie würden Sie sich jetzt an Stelle des Behinderten fühlen, wenn man erst voll Entsetzen angeschaut wird und sich dann das Gesicht zu einem reizenden Lächeln verzerrt?
Einem Freund von mir wurde kürzlich durch einen Unfall das rechte Bein amputiert. Jetzt hat er eine Prothese. Und mir ist gerade erst beim Schreiben wirklich bewusst geworden, dass ich von Anfang an keine Vorurteile hatte. Denn wenn mir Menschen mit Behinderungen normalerweise auf der Straße entgegen kommen, brandet entweder Mitleid oder je nach Grad der Verletzung Entsetzen in mir auf. Doch hier… So gesehen glaube ich, dass es daran lag, dass ich über jede Etappe seines Werdeganges informiert war. Vom Unfall, zu dem “Ärztepfusch”, über das Abnehmen des Beines bis hin zur endgültigen Prothese. Und wenn ich ihn sehe, vergesse ich manchmal, dass er nicht zwei funktionierende Beine hat. Hm. Doch. So gesehen hat er die eigentlich schon. Und ich gestehe, ich war zuerst entsetzt und hatte Mitleid. Nur mit dem Unterschied, dass ich mit ihm über diese Gefühle redete. Kein Vorheucheln von Fröhlichkeit. Vor allem, als das Bein ab war. Ich hätte heulen können und wunderte mich, warum er es nicht tat. Doch er meinte nur, dass er mit dem kaputten alten Bein nie mehr richtig hätte laufen können und sich auf sein neues freut.
Verstehen Sie, was ich sagen will? Seien Sie neugierig. Mit der Geschichte hinter dem Menschen bekommt dieser auch wieder ein Gesicht und nicht nur eine Krankheit. Sie können Ihre wahren Gefühle gerne verstecken, wenn Sie glauben, den Anderen damit zu verletzen. Niemand zwingt Sie, sich mit anderen zu unterhalten. Aber wenn Sie sich überwinden und fragen, stehen Sie zu ihren Gedanken und Gefühlen. Sie könnten Antworten erhalten, die Sie verblüffen und Ihren Horizont um einiges erweitern. Schauen Sie doch einfach mal zurück. Als Kinder waren wir neugierig und ohne Vorurteile. Wenn ein Kind mit Behinderung kam, wurde es gefragt, was passiert ist und wir verstanden halbwegs und spielten mit ihm. Denn irgendwie war das Kind doch wie wir – nur Besonders. Und? Was hat sich seit damals verändert? Nichts! Oder liege ich falsch?
352 Lesungen